Gleichberechtigung, Selbstbestimmung & Co: OÖ Frauenreferat startet Wertedialoge für Flüchtlinge

Tausende Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen haben in den letzten Monaten Schutz in unserem Bundesland gefunden. Konkret leben aktuell 13.115 Personen in der Grundversorgung in Oberösterreich – 8.671 Männer und 4.444 Frauen.

„Jetzt geht es darum, diesen Menschen unser Werteverständnis und unsere Grundregeln für ein harmonisches Zusammenleben zu vermitteln. Das rasche Erlernen der deutschen Sprache und das Leben unserer Werte sind die Fundamente für erfolgreiche Integration“, betont Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Thomas Stelzer.

Frauen in OÖ mit verändertem Sicherheitsempfinden

Nicht zuletzt haben die Vorkommnisse in deutschen Städten zu Silvester zu einem veränderten Sicherheitsempfinden unter den Frauen in Oberösterreich geführt. Laut einer IMAS-Umfrage (Februar, n=400; repräsentativ für die oberösterreichischen Frauen ab 16 Jahre) gaben 56 Prozent der befragten Frauen dem IMAS zu Protokoll, dass sich durch die Ereignisse in der Silvesternacht das Sicherheitsgefühl verändert hat. Die Frauen in Oberösterreich stimmten auch den unterschiedlichen abgefragten Maßnahmen insgesamt mehrheitlich voll und ganz zu. Vor allem Werteschulungen für Zuwanderer, mehr Polizei bei Großveranstaltungen, stärkere Hilfe der Bürger untereinander sowie mehr Polizei auf der Straße werden als wichtige Maßnahmen angesehen, um die Sicherheit von Frauen in Oberösterreich zu verbessern.

Im Auftrag von LH-Stv. Mag. Thomas Stelzer organisiert das Frauenreferat daher sogenannte Wertedialoge. Zielgruppe sind anerkannte Flüchtlinge und Asylwerber. Das Angebot richtet sich aber auch an weibliche Flüchtlinge, um von ihren Rechten in Österreich zu erfahren. Für die Wertevermittlung stehen mobile und mehrsprachige Berater/innen zur Verfügung, die organisatorische Abwicklung und Anforderung der Berater/innen erfolgt über die Gemeinden.

Inhalte dieser Kurse sind die Rolle von Frauen in unserem Kulturkreis, Frauenrechte und die Gleichberechtigung von Männer und Frauen, sowie die Grundregeln des alltäglichen Zusammenlebens mit dem Schwerpunkt Frauen.

Wie funktionieren die Wertedialoge?

Das oberösterreichische Frauenreferat stellt mobile und mehrsprachige Beraterinnen und Berater mit interkulturellen Kompetenzen zur Verfügung. Die Buchung erfolgt über die Gemeinden. Die Dialoge werden vor Ort in Kleingruppen (8 bis 10 Personen) durchgeführt und dauern rund zwei Stunden. Die Kurse werden kostenlos angeboten, die Räumlichkeiten werden von den Gemeinden zur Verfügung gestellt.

Was wird vermittelt?

Zentrale Bestandteile der Wertedialoge sind neben dem Spracherwerb der deutschen Sprache, vor allem das Kennenlernen des Werteverständnisses der österreichischen Verfassung wie beispielsweise die Menschenrechte mit besonderer Berücksichtigung der Frauenrechte und der Gleichberechtigung von Frau und Mann, sowie die Grundregeln des alltäglichen Zusammenlebens mit dem Schwerpunkt Frauen. Es geht dabei um ein gemeinsames Erlernen von Fertigkeiten, die im alltäglichen Leben praktisch einsetzbar sind. Die zu vermittelnden Inhalte, sowie die zahlreichen Beispiele aus der Praxis wurden in einer Expertinnengruppe, federführend vom Verein „autonomes Frauenzentrum“ Linz, erarbeitet.

Die Schulungsunterlagen beinhalten sieben Überthemen:

1) Familie & Beziehungsformen

Beispiele:

  • In Österreich haben alle Menschen die persönliche Freiheit, über die Gestaltung ihres Lebens selbst zu bestimmen.
  • Es gibt viele verschiedene Beziehungsformen und Männer und Frauen können diese selbst wählen.
  • In einer Ehe gibt es kein „Familienoberhaupt“: Frauen und Männer haben die gleichen Rechte und Pflichten. Das bedeutet, dass der Mann nicht alleine entscheiden darf, was die einzelnen Familienmitglieder tun oder nicht tun dürfen.

2) Kinder

Beispiele:

  • In Österreich gibt es für alle Kinder die Schulpflicht ab der Vollendung des 6. Lebensjahres. Kinder müssen 9 Jahre eine Schule besuchen.
  • Ab dem 18. Lebensjahr ist man erwachsen. Die Eltern können dann nicht mehr bestimmen.
  • Jede Gewalt gegen Kinder ist verboten.
  • Alle Kinder müssen vor Schuleintritt mindestens 1 Jahr lang den Kindergarten besuchen.
  • In Österreich werden Mädchen und Burschen gleich erzogen.

3) Körperliche Selbstbestimmung und Sexualität

Beispiele:

  • Alles, was den eigenen Körper betrifft, kann man alleine entscheiden. Niemand darf sich in diese Entscheidung einmischen.
  • Niemand darf gegen seinen Willen berührt oder am Körper verletzt werden.
  • Jede Person kann die eigene Sexualität so leben wie sie möchte, solange sie sich an die Gesetze hält und keine andere Person dabei zu Schaden kommt.

4) Gewalt

Beispiele:

  • Es gibt verschiedene Formen von Gewalt und jede davon ist verboten.
  • Niemand darf gegen seinen Willen berührt oder am Körper verletzt werden.
  • Niemand darf jemand anderen zu einem Tun oder Unterlassen zwingen.

5) Öffentliches Leben

Beispiele:

  • In Österreich kann jeder Mensch so leben, wie er leben möchte. Aber er darf nicht gegen Gesetze verstoßen.
  • Alle Menschen haben die gleichen Rechte, aber auch die gleiche Pflicht, sich an die Gesetze zu halten.
  • Jeder Mensch hat das Recht mit Respekt behandelt zu werden. Niemand darf die Würde und Rechte anderer Menschen verletzen!
  • Neben den staatlichen Gesetzen gibt es Grund-, Freiheits- und Menschenrechte, an die sich jeder halten muss.

6) Gesundheit

Beispiele:

  • Jede Frau und jeder Mann ist für die eigene Gesundheit selbst verantwortlich und kann dafür viel tun.
  • Die Ärztinnen und Ärzte und alle anderen Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, haben diesen Beruf wegen ihrer guten Qualifikation bekommen. Patientinnen und Patienten und Ärztinnen und Ärzte haben sich gegenseitig mit Respekt zu behandeln – unabhängig von Geschlecht und Religion.
  • Zu medizinischen Behandlungen muss jeder Mensch selbst einwilligen. Man kann sie auch nur selbst ablehnen.

7) Bildung & Arbeit

Beispiele:

  • Frauen und Männer können jeden Beruf ausüben, den sie wollen, es darf keine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der ethnischen Zugehörigkeit, der Weltanschauung, der Religion, des Alters oder der sexuellen Orientierung geben.
  • Frauen und Männer haben den gleichen Zugang zu den Bereichen Bildung, Fortbildung und Karriere.

 

 Inhalte von namhaften Expertinnen erarbeitet

Für die Erstellung der Inhalte konnten Dr.in Margit Waid (Abteilungsleiterin „Gender und Diversity“ der Johannes Kepler Universität Linz), Mag.a Dr.in Andrea Jobst-Hausleithner und Mag.a Christine Hengstschläger (Geschäftsführerin und Stellvertreterin des Vereins „autonomes Frauenzentrum“ Linz), gewonnen werden.

Das mobile Beraterinnen und Berater-Team

Dr. Selcuk Hergüvenc, Mitarbeiter beim Landesschulrat Oberösterreich im Bereich Ausländerbetreuung und interkulturelles Lernen, stellt ein Team von mehrsprachigen Beraterinnen und Beratern mit interkultureller Vermittlungskompetenz zur Verfügung. Damit die vermittelnden Inhalte auch sichergestellt werden können, wurden die Trainerinnen und Trainer vom Frauenreferat des Landes Oberösterreich gemeinsam mit einer Expertin aus dem Verein „autonomes Frauenzentrum“ auf Basis der erarbeiteten Schulungsunterlagen geschult.

Bei der Abwicklung der Wertedialoge wird darauf geachtet, dass jeweils eine Trainerin und ein Trainer zur Verfügung stehen. Dadurch können Frauen vertrauliche Themen mit einer Trainerin besprechen.

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Fotos: Land OÖ/Grilnberger